Annika Raatz - Professorin für Montagetechnik am match

Die Lübeckerin Annika Raatz, Jahrgang 1971, ist seit 1. Oktober 2013 Professorin für Montagetechnik an der Fakultät für Maschinenbau der Leibniz Universität Hannover. Sie ist aus Braunschweig ans Produktionstechnische Zentrum Hannover (PZH) in Garbsen gekommen. Aktuell baut sie mit ihrem Team das Institut für Montagetechnik (match) auf. Match ist die Abkürzung für Montagetechnik; zugleich ist es der englische Begriff für zusammenfügen, zusammenpassen. Darum geht es in der Montagetechnik. Mit ihrem Fachgebiet komplettiert Prof. Dr.-Ing. Annika Raatz das Fächerspektrum im PZH; hier wird die gesamte Prozesskette in der Produktion erforscht und gelehrt.

Interview mit Prof. Dr.-Ing. Annika Raatz
  • Frau Prof. Raatz, wo haben Sie Maschinenbau studiert?

    Ich habe in Braunschweig studiert und promoviert. Dort habe ich mich dann auf Montagetechnik und Fertigungsautomatisierung spezialisiert.

  • Warum haben Sie sich für das Maschinenbaustudium entschieden?

    Ich war in der Schule gut in Mathe und Physik. Diese Fächer hatte ich auch als Leistungskurse. Ich wollte Luft- und Raumfahrttechnik studieren - das hat mich nach Braunschweig zum Maschinenbaustudium geführt. Um mir meinen Berufswunsch Astronautin zu erfüllen. Ursprünglich wollte ich eigentlich Pilotin werden.

  • Was hat Sie speziell an der Montagetechnik begeistert? Das Maschinenbau-Studium bietet schließlich ein breites Spektrum an Spezialisierungsmöglichkeiten an. Warum fiel Ihre Wahl auf die Montagetechnik?

    Da hat der Zufall mitgespielt. Mechanik hat mich immer schon interessiert. Greif- und Handhabungstechnik, Kinematik, Schwingungen - all dies im Zusammenhang mit Robotern und moderner Produktionstechnik fasziniert mich.

  • Erlebten Sie während Ihres Studiums Besonderheiten, weil Sie als Frau Maschinenbau studierten?

    Es gab schon mal Sprüche von älteren Professoren. Am auffälligsten aber war das Zahlenverhältnis: In Braunschweig studierten 680 Studienanfänger Maschinenbau, darunter 20 Frauen. Mich hat das aber nicht weiter beeinflusst. Ich habe mir im Studium meinen Freundeskreis danach ausgesucht, ob wir gemeinsame Interessen hatten, insbesondere Sport wie z.B. Handball oder Skifahren -, und nicht nach Geschlecht.

  • Hatten Sie Vorbilder?

    Nein. Allenfalls für den Studienort Braunschweig. Ich habe einen älteren Bruder, der dort bereits studierte. Das hat meine Studienortwahl schon gelenkt.

  • Welche Tipps haben Sie für den Forschungsnachwuchs im Maschinenbau? Was sollte Schüler/innen, Studierende und Doktorand/inn/en auszeichnen? Welche Kompetenzen sollten sie entwickeln, um später im Maschinenbau erfolgreich zu werden?

    Sich nicht von Eltern, Erziehern und Lehrern abschrecken lassen! Und lassen Sie sich gar nicht erst in Rollenklischees hineindrängen. Sehen Sie TECHNIK als Selbstverständlichkeit an. Mut zu haben hilft. Das gilt geschlechterunabhängig. Wenn´s denn unbedingt geschlechtsspezifische Tipps sein sollen: Nach meiner Erfahrung sind gute Schülerinnen meistens erfolgreiche Studentinnen. Aber sie könnten risikofreudiger sein, den Mut haben, mehr auszuprobieren. Und Jungen sollten begreifen, dass zum Maschinenbau auch Theorie gehört - nur gut im Herumbasteln zu sein, genügt nicht. Und für alle gilt: Gute Mathekenntnisse sind unerlässlich!

  • Was zeichnet eine Persönlichkeit aus, die Karriere als Maschinenbau-Professorin macht? Welche Erfolgsfaktoren gibt es?

    Spaß zu haben! Sie sollten Ihr Fach gut können, unbedingtes Interesse daran haben. Am besten das Ganze entspannt sehen und nicht verkrampfen. Das Fach macht Freude, das ist kein Kampf!

  • Haben Sie Vorerfahrungen in der Wissensvermittlung, die Ihnen in der Lehre an der Universität nutzen?

    Ich hab schon als Schülerin Nachhilfe gegeben. Im Studium war ich wissenschaftliche Hilfskraft. Und bestimmt hat eine Rolle gespielt, dass meine Eltern und auch mein Großvater Lehrer sind. Dadurch war Wissensvermittlung schon in der Familie verankert.

  • Gibt es Zeit für Hobbys? Was macht die Maschinenbau-Professorin für Montagetechnik, wenn sie nicht gerade im Maschinenbau forscht oder lehrt?

    Ich war aktive Handballerin. In Braunschweig bin ich auch gesegelt. Obwohl das früher besser zu meiner Heimatstadt Lübeck gepasst hätte. Dort habe ich aber keinen Wassersport betrieben. Jetzt laufe ich vor allem und fahre Rennrad - gelegentlich als Triathlon. Und in den Bergen fahre ich Ski oder Snowboard und Mountainbike.

  • Sie sind zwar noch nicht lange in Hannover. Dennoch: Können Sie schon Unterschiede zwischen den Forschungsstandorten Braunschweig und Hannover feststellen?

    Unterschiede sind mir bisher vor allem in der Verwaltung aufgefallen. Man müsste ein "best of both worlds" machen! Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich Dinge an den Unis in Braunschweig und Hannover geregelt werden.

  • Und welche Unterschiede fallen Ihnen im Fach Maschinenbau zwischen den beiden niedersächsischen Forschungsstandorten auf?

    Der produktionstechnische Verbund im PZH in Garbsen ist größer als der in Braunschweig. Sicher gibt es noch weitere - für mich ist es jedoch noch zu früh, das im Detail zu beurteilen.

  • Sehen Sie Alleinstellungsmerkmale des hannoverschen Maschinenbaus? Zum Beispiel im Vergleich zu anderen Forschungsstandorten in der TU 9*?

    Mir gefällt das Understatement in Hannover und Braunschweig. Hier wird im Vergleich zu anderen Standorten ein verhaltenes Marketing betrieben. Niedersachsentypisch zurückhaltend eben. In Hannover wird mit wenigen Mitteln gestaltet. Und Großartiges geleistet. An anderen Standorten wird zum Teil aufwändig Marketing betrieben. Schauen Sie dann hinter die Kulissen, zeigen sich Diskrepanzen zwischen Marketinganspruch und Forschungspraxis. Da ist mir das Understatement wesentlich sympathischer.

* TU9 bezeichnet die führenden neun Technischen Universitäten in Deutschland, www.tu9.de

Das Interview führte Andrea Kleeß M.A. im März 2014.